Der Westfälische Friede von 1648 ist ein Meilenstein in der Geschichte der europäischen Völker und zwar nicht nur deshalb, weil er den grauenvollen 30-jährigen Krieg beendet hat, sondern weil mit ihm auch die Grundlagen für den souveränen Nationalstaat geschaffen wurden, so wie wir ihn heute verstehen.

Rein ordnungspolitisch betrachtet ist die Idee, die Welt in prinzipiell gleichberechtigte Staaten aufzuteilen, die auf einem jeweils strikt voneinander abgegrenzten Territorium nach eigenem Gutdünken über ihr Staats-Volk herrschen, zum Erfolgsmodell geworden, denn bald war die gesamte Erde in Gebiete aufgeteilt, die entweder diesem oder jenem Land zugeordnet waren, und in denen Völker lebten, die entweder dieser oder jener Nation angehörten.

Frieden hat das der Menschheit allerdings nicht gebracht, im Gegenteil, und spätestens am Ende des 1. Weltkrieges reifte die Erkenntnis, daß diese Nationalstaaten-Struktur ohne übergeordnetes Völkerrechts-Konstrukt nicht funktioniert. Mit besten Absichten schuf man den Völkerbund, um danach in einem noch blutigeren Krieg leidvoll erfahren zu müssen, daß eine als Kontroll- und Ausgleichsinstanz gedachte Institution ohne hoheitliche Machtinstrumente den Egoismus der nach wie vor uneingeschränkt souveränen Nationalstaaten nicht zügeln kann. Der Gründung der UNO nach dem 2. Weltkrieg lag dann nicht mehr die Absicht zu Grunde, die Welt zu einen, was in einem Satz die Tauglichkeit dieser Einrichtung für das Zusammenwachsen der Menschheit beschreibt.

In den beiden kürzlich erschienen Büchern Das demokratische Weltparlament von Jo Leinen und Andreas Bummel[1] sowie Weltordnung von Ignaz Bender[2] wird mit wahrhaft überzeugenden Argumenten dargelegt, warum und weshalb wir nach wie vor danach streben sollten, einen den Nationalstaaten übergeordneten Weltstaat zu errichten. Die Autoren zeigen zwar unterschiedliche Wege auf, wie wir dies bewerkstelligen könnten, sind sich aber als überzeugte Demokraten darüber einig, daß diese Nationengemeinschaft nur ein auf Gleichberechtigung, Solidarität und Freiheit gegründetes demokratisches Gebilde sein kann, mit klassischer Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative.
Ein Welt-Rechtsstaat über den Nationalstaaten also.

(Dies deckt sich mit meinen Vorstellungen von einer Welt-Föderation, die ich für mich “WELTBUND aller NATIONEN und VÖLKER der ERDE” getauft habe. Sie können Ihren Weltstaat auch gerne Welt-Republik, Welt-Union, Vereinigte Staaten der Erde oder Bundesrepublik Gaia nennen.)

Leider ist beiden Werken das ihnen gebührende Echo in der deutschsprachigen Öffentlichkeit versagt geblieben, was schon deswegen ungemein schade ist, weil damit der befruchtende Gedankenaustausch über das „Wie kommen wir dahin?“ unterbleibt.

Neben all den der Vernunft entspringenden Gründen, die sowohl Bender als auch Leinen/Bummel für die Schaffung eines Weltstaates in ihren Büchern anführen, gibt es jedoch einen weiteren Aspekt, den wir nicht übersehen dürfen:

Die Probleme, die wir auf der Erde haben, sind nicht wirtschaftlicher oder juristischer Art. Im Gegenteil: Unser Welt-Wirtschaftssystem funktioniert derart effizient, daß wir soviel Geld wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte generiert haben, unsere Technik entwickelt sich in Zehnerpotenzen senkrecht durch die Decke und unser Rechtswesen erlebt gerade in Form der TTIP-Verträge wohl seinen elaborativen Höhepunkt. Bedauerlicherweise begünstigen diese wie geschmiert, aber völlig unsolidarisch laufenden Systeme ausschließlich ihre Erschaffer und Nutznießer, zeigen aber bei nüchterner Betrachtung in großer Deutlichkeit auf, über welche Schöpferkraft der Mensch verfügt und zu welchen Leistungen der menschliche Geist fähig ist. Wenn wir wollten und all unsere wirtschaftliche und technische Potenz auf ein Ziel vereinen würden, wären die Probleme der Welt praktisch morgen früh erledigt, derart exzellent arbeiten die Bereiche Wirtschaft und Rechtswesen.

Jedoch führt dies nach Rudolf Steiner zu der zwingenden Erkenntnis, daß etwas mit dem 3. Grundpfeiler unserer menschlichen Gesellschaft, dem Geistesleben, nicht stimmen kann. Und tatsächlich sind die Probleme, die wir auf der Erde haben, hauptsächlich spiritueller Natur. Es hängt unmittelbar damit zusammen, an was wir glauben. Insbesondere glauben wir an ein Naturgesetz, wonach jeder einzelne Mensch um seine Existenz ringen muß und mit jedem anderen menschlichen Individuum in Konkurrenz steht, daß es ohne Klassenkampf keine grundlegenden gesellschaftlichen Verbesserungen für alle gibt und daß auch unsere Völker und Nationen auf der Welt einem ständigen Wettbewerb unterliegen, egal ob es um Ressourcen, Herrschaftsgebiet oder Deutungshoheit geht.

Doch das Darwin´sche Dogma vom Recht des Stärkeren hat sich als der Menschheit nicht dienlich erwiesen. Die gesamte beseelte Natur funktioniert im Gegenteil nach den Prinzipien von Solidarität und Empathie.

Daraus wiederum folgt, daß wir, um unsere Probleme lösen zu können, die Glaubens-Richtung komplett umdrehen müssen, was die wahre Natur des Menschen angeht. Von immerwährend kämpfen müssendes, von allen anderen getrenntes Einzelwesen auf friedliches und symbiotisches Individuum in einer solidarischen Menschheitsgemeinschaft. Glücklicherweise kann eine entsprechende Veränderung des kollektiven Bewußtseins auch tröpfchenweise herbeigeführt werden, sodaß der Menschheit jeder Einzelne weiterhilft, der für sich selbst diese Kehrtwendung im Glauben und im Selbstverständnis vollzieht.

Was aber hat das nun alles mit dem Weltbund zu tun und wo liegt das spirituelle Problem?

Nun, solange jeder, der sich mit dem Thema Einigung der Menschheit in Frieden und Freiheit beschäftigt, zwar zustimmend nickt, wenn das Erfordernis der Schaffung einer global legitimierten Administration etwa in Form einer Weltrepublik ins Spiel gebracht wird, aber in seinem Innersten nicht so recht daran glaubt, daß wir das tatsächlich zustande bringen, werden wir das auch nicht zustandebringen. Ändern wir unseren Glauben, jeder einzelne von uns, und wir werden es schaffen, die Welt nach demokratischen Prinzipien zu einen.

Machen wir den Weltbund zu unserer Herzenssache.

A.K., 20.12.2018

 

[1] Jo Leinen/Andreas Bummel, Das demokratische Weltparlament, Dietz-Verlag 2017

[2] Ignaz Bender, Weltordnung. Der Weg zu einer besser geordneten Welt, DWV-Verlag 2017