Wir leben in einer polarisierten Welt, die dem geistigen Gefängnis der dualistischen Denkweise entspringt, in das die Menschheit eingesperrt ist. Die Dinge sind aber nicht nur schwarz oder weiß und die Welt besteht auch nicht nur aus Gegenteilen und Antonymen wie Gott und Teufel oder gut und böse, sondern in viel größerem Umfang aus einem sowohl als auch, was dem Verstand früher oder später wie von selbst aufgeht, wenn er nach Freiheit strebt.

Heimito von Doderer hat es einmal so ausgedrückt:
Es hat alles zwei Seiten. Aber erst wenn man erkennt, dass es drei sind, erfaßt man die Sache.

Tatsächlich eröffnet sich durch trinitäres Denken eine komplett neue Perspektive auf unser Leben. Der Mensch entdeckt plötzlich dreidimensionale Strukturen hinter der vermeintlichen Polarität und erfaßt, daß in Wahrheit nichts in zwei Teile getrennt oder gespalten ist, sondern alles aus drei Gliedern besteht und eine Einheit, eine Gesamtheit bildet.
Dies gilt insbesondere auch für die Gesellschaft, in der wir leben. Man durchschaut, daß unsere menschlichen Gemeinschaften als soziale Wesen genauso dreigegliedert sind wie unsere menschliche Körper, stellt dann aber rasch einen gravierenden Unterschied fest: Im Körper funktionieren die aus den drei Keimblätter herausgewachsenen Zell-Organisationen jeweils selbständig, wirken arbeitsteilig zusammen und versorgen sich gegenseitig mit dem, was sie brauchen, während die drei Glieder im sozialen Organismus, also Staat, Wirtschaft und Geistesleben, das nicht tun, mithin nicht eigenverantwortlich und selbständig funktionieren und in ihrem Zuständigkeitsbereich uneingeschränkte Autonomie besitzen, sondern im Gegenteil sich jeder bei jedem in alles einmischt und genau diese widernatürliche Verflechtung die eigentliche Ursache für das “Kranksein” unserer Gesellschaft ist. Die Politik vermengt nämlich drei Dinge, die nicht vermengt werden dürfen: Sie verwaltet sowohl die Wirtschaft, als auch das Recht und die Bildung und formt dadurch den sogenannten “Einheitsstaat”. Praktisch jeder Nationalstaat auf der Welt ist heute als Einheitsstaat konzipiert und in keinem davon funktioniert das Gemeinwesen zum Wohle aller.

Wenn wir also in einer solidarischen Menschen-Gemeinschaft in Frieden und Freiheit zusammenleben wollen, müssen wir zunächst für eine Entflechtung der Nationalstaaten sorgen und aus den drei dann nicht mehr ineinander verwobenen Organen Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben einen arbeitsteilig operierenden Organismus entstehen lassen. Dazu ist trinitäres Denken erforderlich und die Einsicht, daß Gliederung etwas völlig anderes ist als Trennung oder Spaltung.

Ein gewisser Rudolf Steiner hat uns das übrigens schon vor über 100 Jahren geraten. Aber wem erzähl ich das?

 

A.K., 06.03.2019